publiziert: 28.06.2012 19:47 Uhr
aktualisiert: 29.06.2012 13:19 Uhr
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Interview: „Der Präsident kann nicht alle Probleme selbst lösen“

  • Alfred Forchel am Schreibtisch: Der Präsident der Universität Würzburg ist für 10 000 Mitarbeiter verantwortlich.
    Foto: Norbert Schwarzott
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Würzburg Vertreter der Würzburger Studierenden haben Universitätspräsident Professor Alfred Forchel in einem offenen Brief scharf kritisiert. Sie warfen ihm vor, die Kommunikation der Hochschulleitung sei teils mangelhaft, der Informationsaustausch „katastrophal“, mehr studentische Mitsprache „offenbar unerwünscht.“ Mittlerweile hat ein erstes klärendes Gespräch zwischen Studierenden und dem Präsidenten stattgefunden. Im Interview mit dieser Zeitung äußert sich Alfred Forchel nun auch öffentlich.

Frage: Offene Briefe von Studierenden an die Hochschulleitung sind nichts Alltägliches – zumindest außerhalb von Würzburg. Herr Forchel, sind Sie ein schlechter Kommunikator?

Alfred Forchel: Nein. Offene Briefe sind augenscheinlich ein Kommunikationsmittel, das hier, aber auch woanders gewählt wird.

Immerhin haben Sie in Ihrer Antrittsrede 2009 die „Etablierung einer sehr großen Kommunikationskultur“ versprochen. Gemessen an diesem Anspruch ist die Auseinandersetzung mit den Studierenden ein Desaster, oder?

Forchel: Die Tatsachen bestätigen dies nicht. Wir haben seit 2009 große Verbesserungen in der Kommunikation gerade mit den Studierenden erreicht und beispielsweise regelmäßige Treffen zwischen Studierenden und der Hochschulleitung eingeführt. Wir haben über das neu eingerichtete Zentrum für innovatives Lehren und Studieren die Studierenden in die Erarbeitung von Leitlinien für Bachelor- und Master-Studiengänge einbezogen. Außerdem haben wir in den Kommissionen zusätzlich zu den bisherigen Mitgliedern weitere studentische Mitglieder eingeladen. Wo es geht, wird die Kommunikation gefördert.

    
Interview mit Prof. Alfred Forchel
Uni-Präsident Alfred Forchel im Gespräch mit Julia Knetzger
    

Jetzt fordern Sie allerdings von den Studierenden eine Entschuldigung, damit das Gespräch weitergeht. Ist das ein Dialog auf Augenhöhe?

Forchel: Wir hatten zunächst einmal die Fakten im offenen Brief zu prüfen. Manche Dinge waren aus meiner Perspektive absolut unglaublich und ganz einfach nicht richtig. Im Gespräch am Montag konnten viele Missverständnisse geklärt werden, das Treffen war absolut wertvoll.

Noch einmal zur Entschuldigung: Hätte man von einem Unipräsidenten etwas mehr Souveränität erwarten dürfen?

Forchel: Erwartet habe ich eine Richtigstellung – nach einer gemeinsamen Prüfung der Darstellungen im Schreiben in Bezug auf eventuelle Missverständnisse. Wenn allerdings auf Grund einer nicht zutreffenden Darstellung von Tatsachen im offenen Brief die Behauptung steht, mein Verhalten sei der demokratischen Ordnung unserer Universität unwürdig, wäre eine Entschuldigung auch angebracht. Ich habe die Richtigstellung und teilweise Entschuldigung zwischenzeitlich ja akzeptiert und verstehe inzwischen, dass Verschiedenes ausgelöst von Missverständnissen und nicht mit böser Absicht gesagt wurde. Die falschen Darstellungen der Tatsachen mussten richtiggestellt werden.

Kritisiert wurde auch, dass Sie die Entschuldigung erst eingefordert hätten, nachdem der Moderator, Pfarrer Hose, den Raum verlassen hatte. Hatten Sie Angst, das in seiner Gegenwart zu tun?

Forchel: Da muss ich korrigieren, das habe ich schon in seinem Beisein ausgedrückt. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt die Hoffnung, dass wir zu einer gemeinsamen Erklärung kommen, in der das neu entstandene gemeinsame Verständnis der Tatsachen zusammen mit einer Entschuldigung zu zwei wirklich weit über das Ziel hinausschießenden Unterstellungen dokumentiert wird. Letztendlich sind es zwei getrennte Erklärungen geworden, das ist aus meiner Sicht auch in Ordnung. Ich war eigentlich schon bereit, einen Schritt weiter zu gehen.

Die Antwort der Hochschulleitung kam zwei Tage nach Veröffentlichung des offenen Briefes. Warum haben Sie nicht gleich reagiert und den Studenten den Empfang des Schreibens bestätigt?

Forchel: Ich glaube nicht, dass die Studierenden unsicher waren, ob wir das Schreiben erhalten haben. Es war für mich erste Priorität zu verstehen, warum dieses Schreiben zustande kam und wie die Tatsachen wirklich aussehen. Das hätte ich mit einer Eingangsmitteilung in keiner Weise bewirkt. Wir haben schnell reagiert.

Thema studentische Mitbestimmung: Bayernweit heißt es, in Würzburg funktioniere vieles nicht, was an anderen Universitäten normal ist. Zum Beispiel gibt es keine zweite studentische Stimme im Senat. Warum nicht?

Forchel: Das trifft so nicht zu. Wir haben eine stimmberechtigte Studierendenvertreterin im Senat wie insgesamt sechs bayerische Universitäten, fünf haben zwei oder drei, allerdings bei stark variierenden Senatsgrößen. Vom relativen Stimmengewicht her liegt Würzburg im Mittelfeld. Wir haben – wie die Mehrzahl der bayerischen Universitäten – neben einem stimmberechtigten studentischen Mitglied ein weiteres mit Gaststatus und vollem Rederecht. Betrachtet man die Personenanteile der Studierenden einschließlich der Gastmitglieder dann liegt Würzburg in der Spitzengruppe.

Was ist mit dem Besuchsrecht in den Sitzungen der Erweiterten Hochschulleitung, das sich die Studenten gerade versuchen zu erkämpfen?

Forchel: Wir haben durch verschiedene neue Ansätze versucht, die Kommunikation zwischen Erweiterter Hochschulleitung (EHL) und Studierendenvertretung zu stärken. In diesem Semester hatten wir beispielsweise eine gemeinsame Sitzung der EHL mit dem Sprecherrat bereits terminiert. Dies ist meiner Ansicht nach ein Ansatz, der weit über die Gepflogenheiten an anderen Universitäten hinausgeht und durchaus Modellcharakter hat. Diese Sitzung musste auf Grund der aktuellen Diskussion leider verschoben werden, wird aber stattfinden.

Nicht nur Studierende müssen auf die Antwort von Anfragen teilweise lange warten. Auch auf Mitarbeiterseite wird das hier und da beklagt.

Forchel: Auch ich muss auf die Beantwortung von Fragen warten und nachfragen. Die Belastung in allen Bereichen der Universität ist hoch. Aber in der Kommunikation gibt es sicherlich Verbesserungsmöglichkeiten, so ist das nun mal in einem großen System.

Sie müssen ein Unternehmen führen mit 10 000 Mitarbeitern, 24 000 Studenten und knapp 300 Millionen Euro Jahresetat. Muten Sie sich zu viel zu?

Forchel: Die Uni ist kein Unternehmen und steht in der Verantwortung einer gemeinsamen Leitung. Die Universität ist eine staatliche Behörde, bei der unter anderem durch Personalausgaben der Großteil festgelegt ist. Von den 300 Millionen Euro sind nur etwa zehn Millionen frei verfügbare Mittel, die über den Präsidenten direkt beeinflusst werden. Ob ich mir zu viel zumute? Wenn man in dieser Position ist, genügt ein Tag, um zu sehen, dass man nicht alle Probleme selbst lösen kann. Man muss auch Mut zur Delegation beziehungsweise zur Lücke haben.

Geht Ihnen die Kritik an die Nieren?

Forchel: Ich kenne wenig Leute, die von Kritik völlig unberührt sind. Was sich in den letzten Tagen ereignet hat, ist einerseits verletzend. Andererseits wusste ich, dass ein großer Teil des offenen Briefes nicht stichhaltig ist, das half.

Wer sind Ihre engsten Mitarbeiter?

Forchel: Der Kanzler, die Vizepräsidenten, die Referenten, die Mitarbeiterinnen im Vorzimmer. Es sind so um die 20 Personen, mit denen ich häufig zusammenarbeite.

Sind das die Personen, denen Sie vertrauen?

Forchel: Ich vertraue wesentlich mehr Mitarbeitern. Sonst würde ich schlaflose Nächte verbringen.

Einige Uni-Mitarbeiter äußern ihre Kritik anonym. Fürchten Sie, Ihre Position zu verlieren?

Forchel: Das kann ich nicht beurteilen. Aber wenn es Grund zur Kritik oder Verbesserungsvorschläge gibt, sollen die Mitarbeiter das einbringen. Wir gehören zum öffentlichen Dienst mit einer hohen Beschäftigungssicherheit.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft schreibt in einer Pressemitteilung, „die heutige Universitätsstruktur trage feudale und ständestaatliche Züge mit einer fast allmächtigen Leitung.“

Forchel: Damit ist, glaube ich, nicht die Uni Würzburg gemeint. Die Rechte von Studierenden sind in den letzten Jahren tendenziell gewachsen. Unsere Gesellschaft ist auf dem Weg zu immer mehr Partizipation.

Es heißt in der Stellungnahme weiter, dass es eine große Zahl von oft prekär beschäftigten und nahezu rechtlosen Mitarbeitern gebe.

Forchel: Das kann ich nicht speziell auf Würzburg beziehen. Der Gesetzgeber hat sehr strikte Regeln erlassen, unter welchen Umständen aus einem befristeten Verhältnis ein Dauerverhältnis wird. Wir sind machtlos, es gibt nicht viele Dauerstellen.

Wie geht es nun mit der Diskussion mit den Studenten weiter?

Forchel: Wir werden das Gespräch weiterführen. Dazu haben wir weitere Treffen verabredet. Wir bauen die Kommunikation aus.

Alfred Forchel

Seit Oktober 2009 ist der Physik-Professor Alfred Forchel Präsident der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Er trat die Nachfolge von Axel Haase an. Forchel wurde 1952 geboren und stammt aus Stuttgart. Dort hat er zunächst Physik studiert, dann auch promoviert und habilitiert. Nach Würzburg kam der Physiker 1990. Dort übernahm er den Lehrstuhl für Technische Physik. Wie zuvor schon in Stuttgart, so leitete Forchel auch in Würzburg das Mikrostrukturlabor. Alfred Forchel wird auf der Internetseite der Universität Würzburg als „einer der Väter“ des Nanostrukturtechnik-Studiengangs bezeichnet. Letzterer ist der erste ingenieurwissenschaftliche Studiengang der Universität. Forchel fokussierte sich hier auf das Arbeitsgebiet Nanotechnologie. 2011 verlieh ihm die Universität Breslau die Ehrendoktorwürde. Als Präsident repräsentiert Alfred Forchel die Universität mit rund 10 000 Beschäftigten und 24 000 Studenten. Für seine Amtszeit hat sich Forchel unter anderem das Ziel gesteckt, „den quantitativen Ausbau mit qualitätserhaltenden und – wo möglich – qualitätsverbessernden Maßnahmen in Forschung, Lehre und Verwaltung zu kombinieren“. Text: jck

Das Gespräch führten Julia Knetzger und Michael Czygan
    
    

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Die neuesten Kommentare

enro (3 Kommentare) am 29.06.2012 15:38

Die Universität hat ein massives Führungsproblem

Eines macht das Interview deutlich: es fehlen die entscheidenen Kompetenzen. Statt die vorhandenen Probleme zu lösen, wird versucht, sie schönzureden und glattzubügeln. Weder der Präsident noch die Dekane und der Senatsvorsitzende halten mal einen Moment inne, um zu hinterfragen, was alles schief gelaufen ist, dass die Studierenden gezwungen waren, einen solchen Brief zu schreiben. Die Würzburger Studierenden sind ja nicht als Krawallmacher bekannt. Da muss sich viel angestaut haben, bevor so ein Schritt erfolgt. Die Dekane und Professoren murren nur hinter dem Rücken der Hochschulleitung. Offen traut sich keiner mal die Dinge beim Namen zu nennen. Stattdessen äußert man gespieltes Entsetzen, unterstellt den Studierenden Falschdarstellung und betreibt platte Studentenschelte. Als Beitragszahler sind die Studierenden willkommen, bei der Mitsprache definitiv nicht!
Studis: in BW kann man selbst an Exzellenzunis kostenfrei studieren. Was hält euch da noch an der mittelmäßigen Uni. Wü.?
(4)
Julius-Walter (36 Kommentare) am 29.06.2012 12:00

Liebe Frau Knetzger, lieber Herr Czygan,

eine kleine Anmerkung sei am Rande erlaubt:
Eine Universität ist eben kein Unternehmen. Nach dem Prinzip der "universitas" wird eben nicht da einem betriebswirtschaflichen Gewinn gestrebt, sondern nach einer für das allgemeingesellschaftliche Gemeinwohl Bildung von Studenten gestrebt.
Übrigens sind nicht alle Mitarbeiter Mitglieder einer solchen Korporation, sondern nur die Professoren, der Mittelbau und die Studenten. Eine Putzkraft ist angestellt und ist keine Mitglieder der Universität.
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